Kulturwandel in Unternehmen und Organisationen

Kulturwandel in Unternehmen und Organisationen

Ein sehr lesenswerter Artikel über den Unternehemenskulturwandel:

Kulturwandel in Unternehmen und Organisationen

FOTO: Quelle Facebook
HIRNFORSCHUNG, INNOVATIONSGEIST und ORGANISATION

Erstveröffentlichung im INTES UnternehmerBrief, Ausgabe 2/2012, Autor: Gerald Hüther

Möglicherweise ist es das Geheimnis erfolgreicher Unternehmen, dass sie eine innere Organisation entwickelt haben, die der des menschlichen Gehirns in vieler Hinsicht sehr nahe kommt. Tatsächlich funktionieren zukunftsfähige Unternehmen und Organisationen so ähnlich wie zeitlebens lernfähige Gehirne: Sie lernen durch Versuch und Irrtum, sie entwickeln flache, stark vernetzte Strukturen, sammeln Erfahrungen und passen ihre innere Organisation immer wieder neu an sich ändernde Rahmenbedingungen an. Durch sich selbst optimierende kommunikative Vernetzungen auf und zwischen den verschiedenen Organisationsebenen gelingt es ihnen, nicht nur möglichst rasch und effizient, sondern auch möglichst umsichtig und nachhaltig auf neue Herausforderungen zu reagieren. Und so, wie es Gehirne gibt, in denen die Kommunikation zwischen rechter und linker Hemisphäre und zwischen „oben“ und „unten“ nicht so recht gelingt, gibt es auch Unternehmen mit entsprechenden Blockaden, Abspaltungen, Zwangsstrukturen und eingefahrenen Bahnen. Solche Unternehmen mögen noch für gewisse Zeit überleben. Lebendig, flexibel und vor allem kreativ und innovativ sind sie mit Sicherheit nicht.

Und auch in dieser Hinsicht geht es einem Unternehmen nicht anders als einem Gehirn: Die Vielfalt neuer Ideen, die es hervorbringt, gibt wie ein Seismograph Auskunft über seinen inneren Zustand. Und der ist in allen Betrieben, die einen Mangel an Innovationsgeist beklagen, offenbar genauso schlecht wie der eines Gehirns, dessen Besitzer im Lauf seines Lebens seine ursprüngliche, angeborene Neugier, Begeisterungsfähigkeit und Gestaltungslust verloren hat.

Mit Hilfe der sogenannten bildgebenden Verfahren (funktionelle Magnetresonanztomographie) lässt sich beobachten, dass im Gehirn eines kreativen Menschen gleichzeitig mehr und entfernter voneinander liegende Netzwerke aktiviert werden, wenn er ein bestimmtes Bild betrachtet, einem Gedanken folgt oder ein Problem löst. Hirntechnisch können kreative Lösungen also nur dann gefunden werden, wenn es einem Menschen gelingt, sehr viele, sehr verschiedene und bisher voneinander getrennt abgelegte Wissens- und Gedächtnisinhalte gleichzeitig wachzurufen und die für die Aktivierung dieser Inhalte erforderlichen regionalen Netzwerke auf eine neue Weise miteinander zu verknüpfen. Kreativ sein heißt also nicht in erster Linie, Neues zu erfinden, sondern das bereits vorhandene, aber bisher voneinander getrennte Wissen auf eine neue Weise zu verbinden. Wer nicht viel weiß, kann daher nur innerhalb dieser engen Wissensgrenzen kreativ sein. Aber umgekehrt ist besonders viel auswendig gelerntes Wissen bekanntermaßen auch kein Garant für außerordentliche Kreativität.

Auch wenn es sich so schlecht untersuchen lässt, was Kreativität eigentlich ist, so lassen sich doch inzwischen recht gut einige äußere Bedingungen und neurobiologische Voraussetzungen beschreiben, die für das Zustandekommen kreativer Leistungen erfüllt sein müssen. Aus neurobiologischer Sicht ist das menschliche Gehirn nicht zum Abarbeiten von Routinen, sondern für kreatives Problemlösen optimiert.

Das gelingt freilich nur, wenn

1.es sinnvolle Herausforderungen gibt, die unter die Haut gehen
2.man nicht mit festgefahrenen Vorstellungen herumläuft
3.einem die angeborene Entdeckerfreude und Gestaltungslust noch nicht gänzlich ausgetrieben wurde
4.man sich selbst etwas zutraut
5.kein Druck herrscht und man Muße zum Nachdenken hat… und natürlich
6. man möglichst viel weiß und bereits erfahren hat.

Da sich die Verschaltungsmuster der Nervenzellen in Abhängigkeit von der Art ihrer Nutzung entweder erweitern und festigen oder aber verkümmern und auflösen, braucht das Gehirn immer wieder neue und immer wieder andersartige Probleme und Herausforderungen, damit es nicht in eingefahrenen Routinebahnen stecken bleibt. Ebenso wie ein Unternehmen kann ein Gehirn bisweilen so ausgelastet sein, dass alle Drähte in Form von Nervenzellverbindungen und synaptischen Verschaltungen heißlaufen und alle Mitarbeiter, sprich Nervenzellen, bis zur Erschöpfung Überstunden machen müssen, um alle Aufträge zu erledigen und alle Verpflichtungen zu erfüllen. Für eine kurze Zeit mag das gutgehen, aber auf lange Sicht wird man wohl die Organisation des Unternehmens verändern und die vorhandenen Ressourcen anders nutzen müssen.

Was dem Innovationsgeist Flügel verleiht

Damit man sich überhaupt zu einer großen oder auch kleineren Denkanstrengung aufraffen kann, braucht man erst einmal einen Grund. Wenn die Denkanstrengung sich nicht in bloßen Gedankenspielereien erschöpfen soll, muss es sich dabei um einen triftigen Grund handeln. Es muss etwas passiert und über die Wahrnehmungskanäle im Gehirn angekommen sein, das einem unter die Haut geht, weil es wichtig erscheint. Es muss etwas sein, das einen zwingt, nach einer Lösung zu suchen, weil es sich mit den bisher bewährten Routinen, also mit den bereits eingefahrenen Bahnen des Denkens, nicht lösen lässt. Unter diesen Bedingungen entsteht in den komplexen Nervenfasernetzen des Gehirns eine sich ausbreitende Unruhe und Erregung (Arousal), die auf tiefer liegende, ältere Bereiche des Gehirns überspringt und dort etwas auslöst, was wir emotionale Aktivierung nennen. Dann erst fangen wir an, ernsthaft nach einer Lösung zu suchen, um diese innere, emotionale Erregung und Aufgewühltheit wieder zu beruhigen. Wenn uns etwas Gescheites einfällt, so werden all jene Nervenzellverschaltungen, durch deren Aktivierung sich das Problem lösen ließ, gefestigt und sozusagen als neue Erfahrung ins Hirn „eingebrannt“. Die dafür erforderliche „Hitze“ wird von einem Mix an Botenstoffen erzeugt, die neuroplastische Wirkungen besitzen, also Nervenzellen dazu veranlassen, ihre Verbindungen zu festigen und zu stabilisieren. Wenn die emotionalen Zentren im Gehirn, im sogenannten Limbischen System, in Erregung kommen, setzen sie an den Enden ihrer in die höheren Bereiche des Gehirns ziehenden Nervenzellfortsätze dieser Botenstoffe frei. Das ist immer dann der Fall, wenn einem eine neue kreative Lösung einfällt. Dann wird im Gehirn das sogenannte Belohnungssystem aktiviert. Die dabei ausgeschütteten Botenstoffe versetzen das Hirn in einen Zustand, als hätte man gleichzeitig eine kleine Dosis Heroin und Kokain eingenommen.

Je öfter man diesen Zustand erlebt, desto größer wird die innere Bereitschaft und Lust am Entdecken und Gestalten. Bei Kindern ist diese Bereitschaft besonders stark ausgeprägt, weil sie diesen Zustand besonders häufig erleben. Je besser man allerdings im Lauf des Lebens lernt, sich in der Welt zurechtzufinden, desto stärker gerät auch das Denken in eingefahrene Bahnen. So schwindet leider mit dem Älterwerden allzu oft die Bereitschaft, sich auf Neues einzulassen.

Kreativ sein heißt, mit spielerischer Neugier nach neuen Lösungen zu suchen. Neue Lösungen für alte Probleme findet man aber nur, wenn es einem gelingt, in seinem Hirn gleichzeitig möglichst viele „Schachteln“ aufzumachen, also möglichst viele der dort gespeicherten und in neuronalen Netzwerken verankerten Erfahrungen abzurufen und miteinander so zu verbinden, zu assoziieren, dass dabei etwas Neues entsteht, beispielsweise eine neue Idee, wie sich ein Problem, das bisher immer so gelöst worden ist, nun auf einmal auch anders lösen ließe. Damit so ein kreativer Prozess gelingt, muss man über ein möglichst reichhaltiges Spektrum unterschiedlichster Erfahrungen verfügen, und man muss spielerisch mit diesem gespeicherten Wissen umgehen können, darf also nicht „unter Druck“ stehen. Leistungsdruck, übermäßige Erwartungen und Anforderungen, die Stress erzeugen, machen jede Kreativität zunichte. Unter solchen Bedingungen fällt einem kaum je etwas Neues ein.

Woran der Innovationsgeist erstickt

Überall dort, wo versucht wird, vorhandene Ressourcen noch besser zu nutzen als bisher, wo deshalb Angst geschürt, Druck gemacht, genau vorgeschrieben und peinlich überprüft und kontrolliert wird, wo Mitdenken nicht gewertschätzt wird und eigene Verantwortung nicht übernommen werden kann, verliert der Innovationsgeist der Mitarbeiter die thermische Strömung, die gebraucht wird, um seine Flügel zu entfalten. Das geht schneller, als viele Führungskräfte meinen, und vollzieht sich auf drei Ebenen:

1. Gewohnheit und der Leerlauf des Neugiersystems

Da es zumindest eine Zeit lang für jeden Menschen (in den meisten Fällen bis zur Pubertät) genug zu entdecken, zu erleben und erfolgreich zu gestalten gab, beginnt jeder Mensch sein Leben als Erwachsener mit einem (mehr oder weniger großen) „Überschuss“ an Neugier, Antrieb und Zuversicht. Wenn dieses Potenzial jedoch nicht hinreichend genutzt werden kann, kommt es anfänglich noch zu sogenannten „Leerlaufhandlungen“, die dann zunehmend in Frustrationshaltungen und Resignation übergehen. Dem auf Dopamin reagierenden Neugier-, Antriebs- und Belohnungssystem fehlen die erforderlichen Wachstumsimpulse und es beginnt zu verkümmern. Ohne entsprechende „Wiedererweckung“ ihrer Entdeckerfreude und Gestaltungslust ist von solchen Menschen nicht mehr viel Kreativität zu erwarten.

2. Angst und die Aktivierung des Stress-Systems

Angst ist die Folge von Verunsicherung. Sie entsteht als ein durch die Aktivierung der Amygdala im Limbischen System ausgelöstes Gefühl, das mit einer ganzen Reihe körperlicher Reaktionen (somatische Marker) einhergeht. Zur Aktivierung der Amygdala und der betreffenden Körperreaktionen kommt es durch eine sich aufschaukelnde unspezifische Erregung in höheren assoziativen Bereichen des Cortex (präfrontale Rinde), die auf tieferliegende Bereiche des Limbischen Systems (Amygdala), des Hypothalamus (Nc. paraventricularis) und des Hirnstammes übergreift. Im Verlauf dieser Kaskade von Aktivierungsprozessen kommt es auch zur Erregung sogenannter stress-sensitiver Systeme und damit einhergehend zu einer vermehrten Ausschüttung bestimmter Neurotransmitter (CRF, Katecholamine) und peripherer Stresshormone (Adrenalin, Cortisol). Es handelt sich hierbei um überlebenssichernde Notfallreaktionen. Die enorme Erregung in den assoziativen Bereichen des Neokortex hat zur Folge, dass bei Angst- und Stresszuständen keine komplexen, handlungsleitenden Erregungsmuster mehr aktivierbar sind. Die jeweiligen Verhaltensreaktionen werden dann durch die unter diesen Bedingungen aktivierten archaischen Notfallprogramme des Hirnstammes bestimmt: Angriff, Flucht oder Erstarrung. Kreative Problemlösungen sind unter solchen Umständen unmöglich.

3. Frustration und die Unterdrückung des Motivationssystems

Man kann keinen Menschen motivieren, sein kreatives Potenzial zu entfalten, man kann ihn dazu nur einladen, ermutigen, vielleicht auch inspirieren. Die Lust sich einzubringen, mitzudenken und mitzugestalten lässt sich nicht anordnen oder verordnen, nur wecken. Was man aber schneller und nachhaltiger, als es einem später lieb ist, in einem Unternehmen bewirken kann, ist die Unterdrückung dieser Lust. Das geschieht immer dann, wenn sie frustriert wird – durch einen Mangel an Aufgaben und Verantwortung, durch unzureichende Wertschätzung, durch Verunsicherung, Druck und das Schüren von Angst.

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